Jedem sein Hahnenkampf

Jedem sein Hahnenkampf

KOLUMNE | Die Wahrheit politischer Hahnenkämpfe
Einmischen oder raushalten? Was die Politik von der Kulturanthropologie lernen kann.

Kulturelle Ambivalenzen aushalten, sich aus Angelegenheiten raushalten? Clifford Geertz’ Hahnenkampf-Modell bringt zwar Vereinzelung, aber glättet auch Wogen [Bild: Komang Putra].

Dem amerikanischen Ethnologen Clifford Geertz (1926–2006) verdanken wir eine plastische Beschreibung des Hahnenkampfes auf Bali, den er als eine Simulation der Matrix der balinesischen Gesellschaft betrachtete.

Dass der Hahnenkampf dennoch zu einem bedeutenden Spektakel werden konnte, erklärte sich Geertz durch die Verknüpfung des Kampfs der Tiere mit den distanzierten Wetten darauf. „Wenn sich der balinesische Mann“, so Geertz, „mit seinem Hahn identifiziert, dann nicht einfach mit seinem idealen Selbst oder gar mit seinem Penis, sondern gleichzeitig mit dem, was er am meisten fürchtet und hasst und wovon er – wie es nun einmal bei jeder Ambivalenz der Fall ist– am meisten fasziniert ist, mit den dunklen Mächten.“

Man könnte Geertz‘ Arbeiten auch als Entdeckung und als Verteidigung von Ambivalenz beschreiben. Seine Erkenntnisse haben ihm später nicht nur Anerkennung eingebracht, sondern auch heftige wissenschaftliche Kritik. Ihm wurde unterstellt, durch seinen Kulturbegriff universalistische Moralvorstellungen wie etwa die Menschenrechte infrage zu stellen. Geertz war zu der Überzeugung gelangt, dass universelle Vorstellungen gegenüber den geltenden Ethiken der verschiedenen Kulturen in den Hintergrund zu treten hätten.

In der Welt der Politik treffen wir dieses Argument etwa in der unmissverständlichen Aufforderung an, sich nicht in innere Angelegenheiten einzumischen. Nawalny, Kolesnikowa, etc. Man spürt, wie verlogen diese Haltung im Einzelfall ist.

Vollständiger Artikel:
https://www.fr.de/meinung/kolumnen/jedem-sein-hahnenkampf-90216103.html

von Harry Nutt | 23.2.2021 – 11:34 Uhr